Bedürfnisse - jeder hat sie - aber nicht jeder achtet sie

Aktualisiert: 15. Sept 2019


Jeden Tag tun wir Dinge - Dinge, die wir mögen aber auch unzählige Dinge, die wir überhaupt nicht mögen. Vieles entspricht einfach den Gesetzen und Regeln, denen wir nun einmal in einer Gesellschaft unterliegen. Das sind die sogenannten Normen. An denen kommen wir nicht vorbei, wenn wir uns Gesetzes getreu verhalten wollen.


Oft folgen wir aber auch "Normen", die eigentlich gar keine sind - die uns vorgelebt werden und von denen wir glauben, dass wir uns daran halten müssen. Wir nehmen einen 40-Stunden-Job an, weil "man" es eben so tut; wir heiraten, weil "es" von einem erwartet wird; wir streben die Karriere an, weil "das" eben von einem Lebenslauf so vorgegeben ist. Wenn wir uns nicht daran halten, gelten wir als anders und fallen gefühlt aus der "Norm". Da wir Menschen aber einer Gruppe angehören möchten (dies war vor Urzeiten überlebenswichtig) und uns nicht von den anderen unterscheiden wollen, richten wir uns nach nicht ausgesprochenen Vorgaben, die eigentlich gar keine sind, um eben dazu zu gehören.


Was ist aber, wenn man mehrere Jobs haben möchte, nicht heiraten und auch keine Karriere machen will? Hier spielen zunächst einmal die individuellen Bedürfnisse, die jeder Mensch hat, eine Rolle.


1. Was versteht man unter Bedürfnissen?


Wie so oft gibt es auch hier unterschiedliche Annahmen, was menschliche Bedürfnisse sind. Neben der bekannten Bedürfnispyramide nach Maslow habe ich mich hier der vier Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe (Psychologe) bedient.


Neben der körperlichen Unversehrtheit (essen, trinken, schlafen, Luft, Hygiene etc.) haben wir das


Bedürfnis nach Bindung (Säugling ist alleine nicht lebensfähig)

  • anderen Menschen nahe sein

  • sich auf jemanden verlassen können

  • später: Anerkennung, Zuwendung, Wertschätzung, Lob, Toleranz, Liebe, Respekt, Zugehörigkeit

  • Bedürfnis gesehen zu werden (z.B. Kinder versuchen, auf sich aufmerksam zu machen, egal ob positiv oder negativ)

Bedürfnis nach Autonomie und Orientierung

  • nicht als Individualist zu verschwinden

  • nicht hilflos sein, sondern selbständig das Leben auf die Reihe bekommen

  • realistische Grenzen in der Umwelt sehen

  • Ordnung, Kontrolle, Einfluss, Sicherheit, Macht

Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung

  • stolz auf sich sein können

  • lernen, Veränderung, Reife

Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung

  • schöne Dinge suchen und erleben

  • schmerzhafte und unangenehme Dinge vermeiden

Solange diese Bedürfnisse in ausreichendem Maße befriedigt werden, ist für uns alles in Ordnung. Unbefriedigte Bedürfnisse allerdings bedeuten Stress und führen längerfristig zu andauernden und besonders starken Frustrationen. Psychische Störungen entstehen dann, wenn der Mensch durch „unpassende“ Lösungsversuche versucht, mit dieser Frustration umzugehen.


Herr Grawe ordnet diesen Bedürfnissen das sogenannte „Konsistenzstreben“ über. Dies ist unser innerer Wunsch, dass unsere „psychische Welt“ (was in uns vorgeht) widerspruchsfrei ist und einfach „passt“. Sobald aber Konflikte zwischen unseren Grundbedürfnissen entstehen, ist uns ein Konsistenzerleben NICHT möglich.


Jeder Mensch hat zum einen unterschiedlich ausgeprägte Bedürfnisse und zum anderen auch unterschiedliche Schwerpunkte. Diese werden dann noch von den Erwartungen des Umfeldes beeinflusst. Spannend wird es dann, wenn Beides nicht zusammenpasst.


Beispiel aus meiner Praxis:


Meine Kundin hat ihre Schule beendet und hatte zahlreiche Ideen, was sie danach tun könnte. Ihr war aber klar, dass "man" mit diesen Ideen nicht zufrieden sein würde, weil diese nicht zukunftsorientiert waren. Es war gar nicht notwendig, dass jemand dies aussprach. Die Annahme alleine reichte schon. So machte sie zunächst eine Ausbildung und studierte danach. Sie zeigte den gewünschten Erfolg. Dann kam die große Ratlosigkeit. Was tun? In eine große Firma, 40 Stunden und mehr, Karriere machen, feste Strukturen, Hierarchien, feste Vorgaben?




Was ist dann mit dem großen Freundeskreis, für den sie dann keine Zeit mehr hätte, ihre Hobbies und ihre Ideen? Auf der einen Seite stand das Bedürfnis nach Anerkennung und auf der anderen Seite das Bedürfnis nach Autonomie, Freiheit. Beides war gefühlt gleich stark ausgeprägt. Sie hatte aber gelernt, das zu tun, was von ihr erwartet wurde (ob ausgesprochen oder nicht - ober überhaupt erwartet oder nicht). Um die Anerkennung zu bekommen, stellte sie das Bedürfnis nach Freiheit zurück. Sie fühlte sich zwar unwohl mit dem Gedanken, aber es gab vermeintlich aus dieser Situation auch kein Entkommen, was auch erste psychische und körperliche Spuren offenbarte (Migräne, gelegentlich Angstzustände). Zunächst ging sie dann tatsächlich den Karriereweg und war sogar sehr erfolgreich. Sie ignorierte ihre Wünsche und ihre Symptome. Das ging auch einige Zeit gut. Durch extreme Leistung und diverse selbst geleitete Projekte versuchte sie, ihr Bedürfnis nach Autonomie und Freiheit zu decken. Das funktionierte nicht und führte zu Frust und Stress. Die Symptome wurden mehr. Sie leistete noch mehr. Irgendwann weigerte sich ihr Körper komplett und sie war nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Diagnose "Burnout". Sie weiß mittlerweile durch das Coaching, dass sie so ein Leben nur deshalb geführt hat, weil sie meinte, damit dem Gesellschaftsbild zu entsprechen und die gewünschte Anerkennung zu bekommen. Das hatte gravierende Folgen. Heute achtet sie auf ihre Bedürfnisse und hat gelernt, Wege zu gehen, die zu ihr passen. Damit ist sie sehr erfolgreich und vor allem zufrieden






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